Alles Leere

weiße Büttenpapiere, weiße Acrylfarbe
2015

"... Auch die beiden Arbeiten von Beate Susanne Wehr scheinen sich einem Ausspähen und Abgreifen von Informationen zu entziehen. Man muss sich schon etwas Zeit nehmen, sich auf sie einlassen, vielleicht auch mal die Haltung und den (Betrachter)Standpunkt wechseln, damit man ihre Botschaft erkennen kann. Zunächst sind nur die beiden weißen Büttenpapiere zu sehen, die voneinander getrennt, in Objektrahmen eingelassen sind.
Bei längerer Betrachtung und einem bestimmten Lichteinfall, lösen sich die mit einer Acryl-Pigment-Mischung aufgetragenen Begriffe ALLES und LEERE wie eine Geheimschrift von ihren Malgrund ab und werden sichtbar. Die zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit oszillierenden Wörter wurden dabei mit einer dünnen Acryl-Pigment-Mischung auf das texturreiche Büttenpapier so aufgetragen, dass die schablonierten Buchstaben im weißen Bütten kurzfristig auftauchen und im weißen Materialgrund wieder verschwinden.
ALLES + LEERE sind Begriffe, die sich zum einen gegenseitig aufheben und sogar negieren, zum anderen besitzen beide auch etwas Absolutes und Ausschließliches.

Einen etwas anderen Zugang zu diesem gegensätzlichen Begriffspaar eröffnet vielleicht eine zenbuddhistische Sichtweise, die im Unterschied zum westlichen antinomischen Denken, Gegensätzliches nicht als voneinander Getrenntes, sondern als relationales Gefüge betrachtet.
So wie die LEERE im Zenbuddhismus (Daisetz Suzuki) nicht NICHTS ist, so stellt der Begriff ALLES nicht die vollkommene Fülle dar. Zugleich aber strebt "die Leere zur Fülle, und erlaubt ihr damit ihre wahre Fülle" zu erreichen. Ähnlich argumentiert auch die Künstlerin, wenn sie die LEERE als «Ort der Entfaltung und Freiheit, als ein Raum des Lichts, der Fülle und der Weite» definiert. ..."

Textauszug aus der Eröffnungsrede "Enge gebiert ..." vom 12.11.2015,
von Susanne Jakob Kunstwissenschaftlerin M.A.

Kunstverein Neuhausen, (D)